Scannt mich
„Reisen Sie zum Zwecke krimineller oder sittenwidriger Handlungen ein?“, fragte der Mann und sah mich gelangweilt an. Er trug einen schwarzen Anzug, war braun gebrannt und in seiner Hand hielt er meinen Pass. In der anderen einen Kugelschreiber, mit dem er mein Antragsformular ausfüllte. Was er untenrum anhatte, konnte ich wegen dem Tisch ich nicht sehen, aber das war wahrscheinlich auch gut so. Nachher hatte er keine Hose an oder stand mit seinem Fuß auf einem Pedal, mit dem man die Selbstschussanlage einschalten konnte. Beides wollte ich nicht wissen. „Woher wissen Sie das?“, fragte ich, aber der Mann hörte mir gar nicht zu. Er war wie eine Maschine. Ein Visa-Antrags-Ausfüllroboter. Effizient und schnell! Aber leider auch dumm.
In der Theorieprüfung bei der Fahrschule gab es eine Frage, die ich falsch beantwortet hatte: „Sie kommen von einer Party und sind diesen Abend der Fahrer. Alle sind gut gelaunt. Wie verhalten sie sich?“. a) Ich fahre besonders langsam b) Ich lasse mich nicht durch meine Mitfahrer beeinflussen oder ablenken und konzentriere mich auf den Verkehr c) „Ich heize die Stimmung durch rasante Fahrmanöver weiter an.“
Ich habe natürlich wahrheitsgemäß c angekreuzt und bin durch die Prüfung gefallen. Ein Punkt zu wenig, aber wenigstens war ich ehrlich. Und ich habe mein Versprechen eingehalten!
„Reisen Sie zum Zwecke krimineller oder sittenwidriger Handlungen ein?“, fragte der Mann. Woher sollte ich das jetzt wissen? Es kann alles mögliche passieren. Prostituierte an jeder Straßenecke oder ein lukrativer Drogendeal. Wenn die Autovermietung fragt, ob ich ihren Wagen absichtlich gegen die Wand fahren werde, kann ich das ja auch noch nicht hundertprozentig ausschließen. Das kommt eben auf meine Stimmung an. Also sagte ich das einzig richtige. So wie bei den Liebesbriefen in der Schule – die von dem Zahnspangenmädchen, die man zwar jetzt noch nicht will, aber warm halten will, falls sie ihr die Zahnspange jemals wieder rausnehmen: Nicht ja, nicht nein, sondern: Vielleicht!
Vielleicht. Vielleicht war das ja der Grund, warum der bärtige Sicherheitsbeamter mit den Latexhandschuhen im Nebenzimmer auf mich wartete, nachdem mein Flugzeug mit zwei Stunden Verspätung endlich gelandet war. Er lächelte mich an und ich fragte mich, wofür man eigentlich Latexhandschuhe braucht, wenn man nur nachgucken will, ob ich Sprengstoff dabei habe. Aber ich konnte es mir schon denken – er würde überall nachsehen. Da brach ich mit meinem wichtigsten Prinzip.
„Haben Sie vielleicht einen Nacktscanner“, fragte ich und schämte mich zwar – ich war natürlich auch dagegen, aber jetzt war mir alles lieber als die kalten Latexhandschuhe auf meiner Haut zu spüren. Ich meine: Nackt sehen würden die mich sowieso – so oder so – nur anfassen müssten sie mich im Scanner nicht. Und wenn sich der bärtige Wachmann das Bild nachher noch an die Wand hängen wollte, warum nicht? Bitte schön. Das fände ich okay – ich an der Wand und direkt daneben Heidi Klum. Und immer wenn mich der Wachmann ansehen würde, würde er glücklich lächeln und denken: So eine kriegst Du vielleicht auch mal, das Licht ausmachen und von besseren Zeiten träumen oder halt noch etwas wach bleiben, erstmal weiter an mich denken, vielleicht die Decke ja noch etwas weiter hoch ziehen, damit die Ehefrau nicht merkt, was neben ihr geschieht. Verboten ist es nicht. Und so lange die Fotos schön und ästhetisch sind, habe ich nichts dagegen. Da bin ich liberal. „Also los“, sagte ich. „Scannt mich!“
Aber einen Nacktscanner hatten sie nicht. George, der Wachmann, schüttelte den Kopf.
SCHNITT
„Na, war doch gar nicht so schlimm“, flüsterte mir George ins Ohr schlug mir kräftig auf den Hintern. Ein Nacktbild brauchte er jetzt nicht mehr. Er und seine Kameraden hatten genug gesehen. „Eigentlich war das auch total sinnlos“, sagte George, als er die Handschuhe abzog. „Schließlich kannst Du Dir die Bombe auch mit den Sachen aus dem Duty Free Shop zusammen basteln. Ein bisschen Nivea-Creme, ein bisschen Hugo-Boss-Parfüm und ein bisschen Haargel. Schon kann man jedes Flugzeug zum Absturz bringen. Aber mir macht es halt Spaß.“
Zum Abschied drückte er mir mein Einreisefomular in die Hand. Ich durfte gehen. Als ich es später in der U-Bahn noch einmal ansah, fiel mein Blick auf die erste Frage. „Reisen Sie zum Zwecke krimineller oder sittenwidriger Handlungen ein?“ – „Vielleicht“, stand daneben, aber das gefiel mir nicht mehr. Ich korrigierte es. „Darauf kannst Du wetten“, stand jetzt da.